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    Haarprobleme



    Der Fall Elisabeth

    Ganz plötzlich gingen die Haare aus und Elisabeth glaubte, bereits im Wechsel zu sein. Sie war müde, litt an Schlaflosigkeit und kämpfte mit Gewichtsproblemen. Der Haarausfall machte das Maß ihrer Leiden voll. Ihr Gynäkologe führte daraufhin einen Hormontest durch. Das Ergebnis: Die Eierstockhormone waren noch in ausreichender Menge vorhanden. Es konnte sich also um keine Probleme des Klimakteriums handeln. Da Elisabeth auch Augenbrauen und Schamhaare verlor, veranlaßte der Frauenarzt eine Schilddrüsenuntersuchung. Dabei wurde eine Unterfunktion nachgewiesen. Nach medikamentöser Therapie des Schilddrüsenproblems fühlte sich Elisabeth wieder gesund und auch das Haarproblem besserte sich zusehends. Einige Jahre danach begann Elisabeth an leichten Hitzewallungen zu leiden, die allerdings nach wenigen Monaten wieder verschwanden. Eine Hormonersatztherapie war nicht notwendig. Doch plötzlich stellten sich weitere Probleme ein: Die Haut wurde unrein, an Oberlippe und am Kinn begannen Haare zu sprießen, und im Bereich der Stirn bildeten sich die typischen Geheimratswinkel aus. Außerdem verlor Elisabeth viele Haare am Kopf. Bei der Untersuchung stellte der Gynäkologe eine besondere Konstellation der Wechseljahre fest: Die Patientin litt nicht an Östrogenmangel, sondern unter einem Überschuß an männlichen Hormonen. Der Arzt schlug eine Behandlung mit einer besonderen Hormonkombination vor, in der sowohl ein leichtes Östrogen als auch ein gegen die männlichen Botenstoffe gerichtetes Hormon enthalten war. Schon nach kurzer Zeit wuchsen Elisabeths Haare wieder nach, das durch eine Hormonüberdosierung entstandene Haarproblem war beseitigt.

     


    Haare sind für Frauen ein ganz besonderes Organ. Die männerdominierte Frauenmedizin wollte es lange Zeit nicht zur Kenntnis nehmen, daß für manche Frauen der Haarausfall ein existentielles Problem ist. Viele Betroffene können an diesem Leiden zerbrechen – es sind sogar Fälle von Selbstmord bekannt.
    Die Haare der Frau sind Teile ihrer Geschlechtlichkeit. Es ist bekannt, daß das Haarwachstum von den gleichen Hormonen gesteuert wird wie die Fortpflanzung - ein Beweis für die Abhängigkeit verschiedener Organe von diesen Hormonen. Hormonstörungen spiegeln sich demnach in Haarproblemen wider, was einmal mehr die geschlechtliche Abhängigkeit des Haarausfalls vom Fortpflanzungshormon unterstreicht.


    Haare sind spezielle Formen der Haut. Wie die Haut empfangen auch Haare Signale des Körpers. Östrogene erneuern nicht nur die Haut, sie regen auch die Hautzellen an, sich schneller zu regenerieren. Und genau das gleiche trifft auch auf die Haare zu. Viele Frauen berichten, daß die Zeit der Schwangerschaft an den Haaren wahre Wunder bewirkte. Die Haare wurden füllig, sie glänzten und waren locker. Verständlich: Während der Gravidität erreichen Geschlechtshormone im weiblichen Körper ihre maximale Konzentration. Jedes Haar ist mit Drüsen umgeben, die Schweiß-, Talg- und Duftstoffe absondern. Und genauso wie die Haut sind auch behaarte Körperstellen mit besonders vielen Drüsen ausgestattet.
    Haare sind im weitesten Sinn eine Vergrößerung der Hautoberfläche. Duftstoffe, die die Haare mit einem dünnen Film überziehen, können durch diese vergrößerte Oberfläche in größerer Menge in die Umgebung entweichen – ein Kunstgriff der Natur, um die erotische Signalwirkung zu erhöhen.


    Dazu ein einfacher Vergleich: Öffnet man einen schlanken Parfumflakon, so entweicht der Duft und verbreitet sich wohltuend im Raum. Bestreicht man dagegen ein großes Tuch mit diesem Parfum und läßt man dieses aufgebreitet im Raum liegen, entwickelt sich ein viel stärkerer Geruchseffekt, als dies bei einem geöffneten Duftfläschchen der Fall ist. Die Geruchtsintensität ist demnach eine Funktion jener Fläche, auf der sich der Duftstoff verbreiten kann. Haare - im übertragenen Sinne Ausstülpungen der Haut – sind diese vergrößerte Oberfläche. Sie sind vergleichbar mit Antennen, über die Botschaften in den Äther gesandt werden. In diesem Fall sind die Düfte die Botschaften, die über die Haarantennen an die Umgebung verschickt werden.


    Achsel- und Schamhaare sind mit zahlreichen Duftdrüsen umgeben. Sie erfüllen diese Kommunikationsaufgabe daher in besonderem Maße. Aber auch das Kopfhaar fungiert als Megasender für Botschaften aus dem Inneren des Organismus. Die Duftstoffe, die sich über die Körperbehaarung in die Umgebung entladen, werden zur Zeit sehr intensiv erforscht. Ihre chemische Analyse ergibt, daß sie kurzkettige Fettsäuren sind, die den chemischen Verbindungen der Geschlechtshormone sehr ähneln. Das erklärt die Wichtigkeit der Haare. Über diese Organe teilt die Frau der Welt ihre Geschlechtlichkeit mit. Haarausfall erzeugt daher verständlicherweise großen Leidensdruck.


    Haare vergrößern nicht nur die Oberfläche des Körpers, sie verstärken auch die Sensibilität der Haut. Es ist bekannt, daß das sanfte Berühren und das Streicheln der Haut nach den Symbolen unserer Gestik Zuneigung ausdrückt. Es gibt manche Körperstellen, die durch Streicheleinheiten erotisch gereizt werden - man spricht von erogenen Zonen der Haut. Berührt man nun die Haare, wird dieser sogenannte taktile Reiz wegen der vergrößerten Oberfläche um ein Vielfaches verstärkt. Die Haare leiten die Berührung an die Haut weiter, wo es zu einem Verstärkereffekt kommt. Das erklärt auch die hohe kommunikative Kraft, mit der das menschliche Haar ausgestattet ist.


    So wie die Haut sind auch die Haare Indikatoren von Wohlbefinden. Haare unterliegen den Mechanismen von Stress und Immunabwehr ebenso wie sie ihre Befindlichkeit verbessern, wenn der Organismus in einem ausbalancierten Zustand lebt. Dieser aus dem Tierreich bekannte biologische Effekt wurde lange Zeit beim Menschen überhaupt nicht wahrgenommen, ja geradezu übersehen. Dabei gibt es ja gerade in der Natur die schönsten Beispiele: Wenn sich Pferde wohlfühlen, wenn sie ausreichend ernährt, gut behandelt werden und in einer harmonischen Umgebung aufwachsen, beginnt – wie jeder Reiter weiß – ihr Fell zu leuchten.


    Ähnlich sensibel auf Emotionen reagiert auch das Haar. Wenn einem die Haare zu Berge stehen, wie das in der Redewendung treffend heißt, kommt dieser Beobachtung auch ein wissenschaftlicher Hintergrund zu. Die Haarwurzeln sind mit kleinen Muskeln versehen, die neben Temperaturänderungen auch intuitiv auf seelische Grundstimmungen reagieren. Haarwurzeln besitzen auch Fettdrüsen, die das Organ ernähren und zusätzlich natürliches Haaröl freisetzen - ein natürliches Kosmetikum. Unter Stress und während einer Krankheit verringert sich diese aus den Talgdrüsen stammende biologische Nährlösung. Die gleichen Streßstoffe, die auf die Haut einwirken, sind auch in den Haaren präsent. Das Haar steht zu Berge, wie es heißt.


    Haare sind somit ein Spiegelbild von Streßsituationen. Auch das Phänomen des spontanen Ergrauens menschlicher Haare ist wissenschaftlich erforscht: Nach derzeitigem Stand der Erkenntnisse werden durch extreme Streßsituationen in den weißen Blutkörperchen Streßbotenstoffe freigesetzt, deren Zweck primär zwar die Abwehr von Feinden ist, deren Nebeneffekt aber gleichzeitig auch zum Ergrauen der Haare führt.
    Die Geschlechtshormone des Eierstockes beeinflussen das Haarwachstum. Der enge Zusammenhang zwischen Reproduktion, Kommunikation und Sexualität weist bereits darauf hin. Und das erklärt auch, daß die Bindung der Haare an die Geschlechtsorgane bei der Frau stärker ausgeprägt ist als beim Mann.
    Es sind vor allem die Östrogene, die – ähnlich wie bei der Haut – die Wachstumsrate der Haare verstärken. Das Östrogen als Haupthormon des Ovars ist demnach die wichtigste hormonelle Voraussetzung für die Pracht der Haare.


    Unter Östrogenmangel kommt es oft zu Haarproblemen. Sichtbar werden diese nach einer Schwangerschaft, in der Menopause und manchmal auch bei Frauen, die die Pille einnehmen. Umgekehrt erleben Frauen auch Zeiten ganz besonderer Haarpracht – vor allem während der Schwangerschaft, wenn besonders große Östrogenmengen freigesetzt werden.


    Den Gegenbeweis bietet die Natur nach der Entbindung: Unmittelbar nach der Geburt kommt es zu einem abrupten und unweigerlichen Östrogenabfall, am Haarboden herrscht Östrogenmangel. Die vorher wunderschönen Haare werden plötzlich dünn und stumpf, außerdem fallen sie übermäßig aus.


    Auch in der Menopause klagen Frauen über Haarprobleme. Haarausfall ist ein menopausales Symptom, das in der Vergangenheit viel zu wenig ernst genommen wurde. Die Ursache: Östrogenmangel.


    Ebenso ist unter der Pille Haarverlust möglich. Die Aufgabe der empfängnisverhütenden Pille besteht ja darin, den Eierstock zu unterdrücken, um eine Schwangerschaft zu verhindern. Gleichzeitig werden über die Pille Östrogene zugeführt, die das durch sie entstandene Defizit wieder ausgleichen sollen. Das gelingt aber nicht immer. So kommt es, daß an manchen Körperstellen – etwa im Haarwurzelbereich – Östrogenmangel herrscht. Darauf reagieren die Haare sensibel und fallen aus. Erstaunlicherweise gibt es aber Frauen, bei denen das künstliche Östrogen der Pille einen Haarwachstums-fördernden Effekt hat. In der Therapiewahl wird der Arzt jedenfalls pragmatisch vorgehen.


    Östrogene sind ein natürliches Haarwuchsmittel. Sie können als Tablette oder als Haarlotion zugeführt werden. Für die Haarregeneration gibt es verschiedene Östrogene. Eine ganz spezielle Verbindung – das 17-Alpha-Östradiol – unterscheidet sich vom natürlichen Eierstocköstrogen nur durch eine winzige Veränderung am Molekül. Dieses künstliche Hormon regt das Haarwachstum an und unterdrückt bei der Frau die Wirkung der männlichen Hormone am Kopf, die wie der Östrogenmangel einen Haarausfall bewirkenkönnen. Im Unterschied zum Mann ist im weiblichen Organismus das Kopfhaar von der Balance zwischen Östrogenen und Androgenen abhängig. Ein Mangel an östrogenen Hormonen erzeugt ähnliche Probleme wie ein Überfluß an männlichen.


    Die Wirkung der männlichen Hormone im weiblichen Organismus unterscheidet den Kopfhaarbereich vom restlichen Körper.
    Männliche Hormone bewirken ein verstärktes Haarwachstum am Körper – Haare an der Oberlippe, am Kinn, an den Füßen oder Armen: Alles das kann durch ein Übermaß an männlichen Hormonen ausgelöst werden. Im Kopfbereich jedoch haben männliche Hormone einen gegenteiligen Effekt: Sie bewirken Haarausfall und Geheimratsecken. Gelegentlich sind sogar kreisrunde Haarausfallsflecken am Hinterkopf feststellbar.
    Bei diesen Symptomen ist die Diagnose einfach – meist handelt es sich um eine sogenannte Hyperandrogenämie (ein Zuviel an männlichen Botenstoffen).


    Eine Hormonuntersuchung im Bluterbringt den Nachweis, wobei das Maß des Übermaßes die Basis für die darauffolgende Therapie ist. Sie besteht naturgemäß in einer Reduktion der männlichenHormone. Das kann entweder durch eine Ganzkörperbehandlung oder durch eine lokale Therapie geschehen.


    Der Wirkstoff, der die Androgene reduziert, hat bereits eine lange und sehr wechselvolle Geschichte hinter sich. Seit Jahrzehnten wird er nämlich Triebverbrechern gegeben, um bei ihnen die männlichen Hormone zu senken und damit Triebhandlungen zu unterbinden. Diese Substanz ist auch in einer Pille enthalten, die gegen Akne und Haarausfall eingesetzt werden kann. Kommen wir wieder auf die Pille zurück: Viele Frauen leiden unter Haarausfall, wenn sie die Pille nehmen. Der Pharmazie ist es gelungen, das antiandrogenwirkende Hormon zu isolieren und jenen Frauen in Tablettenform anzubieten, die zuviel männliche Hormone haben (unter denen sie leiden) und die andererseits die Antibabypille nicht nehmen möchten. In diesen Fällen muß freilich der Empfängnisschutz auf andere Weise sichergestellt sein, da während einer Schwangerschaft diese Präparate nicht verwendet werden dürfen.


    Das Mittel, das die männlichen Hormone reduziert, heißt Cyproteronacetat. Verfügbar ist es als Tablette und als Lotion. Auf die Haarwurzel aufgetragen verhindert es das Andocken der Androgene, wodurch der Haarausfall unterbunden wird.
    Medizinisch wird aber derzeit auch noch eine weitere Substanz getestet, die im Kampf gegen den Haarausfall eingesetzt werden kann. Es ist bekannt, daß männliche Hormone die Vorsteherdrüse – die Prostata – vergrößern können. Die Pharmaindustrie sucht seit langem nach Stoffen, die diese Wirkung der Hormone an der Prostata einbremsen. Eine Substanz, die derzeit vorerst an Männern getestet wird, kann auch bei der durch Androgene verursachten Form des weiblichen Haarausfalls eingesetzt werden. Es ist damit zu rechnen, daß auch Frauen in der Menopause schon bald das Medikament (als Tablette oder als Lotion) verwenden können.
    Eine Sonderform des Leidens ist der kreisrunde Haarausfall. Dabei fallen an bestimmten Hautstellen kreisrund – wie eine Münze – die Haare aus. Dieses Problem steht wahrscheinlich nicht mit dem Eierstockhormon in Zusammenhang, wohl aber mit Stress und Immunvorgängen. Kreisrunder Haarausfall läßt Schlüsse auf psychosomatische Probleme zu.

     

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